Zwischen Pixel und Silberhalogenid: Mein Selbstversuch mit KI-Bildern
Photo: Shixart1985, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Drei Monate lang habe ich ein Experiment durchgeführt, das ich mir vorher nicht zugetraut hätte: Ich habe Motive, die ich analog und digital fotografiert hatte, parallel in Bildgeneratoren gefüttert und die Ergebnisse verglichen. Nicht als Grundsatzdebatte, sondern als nüchterne Werkstattprüfung. Was folgt, ist mein ehrliches Protokoll.
Das Experiment: drei Motive, zwei Herkünfte
Ich habe drei Motivwelten ausgewählt, die für mein Portfolio stehen: ein nächtlicher U-Bahn-Steig in München, ein Porträt bei naturallym Fensterlicht und eine Architekturstudie der Pinakothek der Moderne. Für jedes Motiv habe ich versucht, die KI so präzise wie möglich zu beschreiben – Lichtstimmung, Brennweite, Bildausschnitt, Grain.
Das Ergebnis hat mich in zweierlei Hinsicht kalt erwischt.
Was die KI brillant kann – und warum mich das nicht bedroht
Die generierten Bilder sind gut. Verdammt gut, teilweise. Die U-Bahn-Szene hatte Atmosphäre, die Architekturstudie war sauber komponiert, das Porträt technisch makellos. Wer glaubt, KI-Bilder seien noch erkennbar schlecht, schaut zu oberflächlich hin.
Aber genau hier liegt der Punkt: Sie waren gut wie Beschreibungen meines Stils. Nicht wie mein Stil. Die KI hat reproduziert, was ich ihr über die Bilder gesagt habe – sie konnte nicht das eine Prozent Abweichung liefern, das ein echtes Foto ausmacht: der zufällige Schatten, der.unbeabsichtigt durchs Bild läuft, das leicht irritierte Zucken eines Menschen, der merkt, dass er fotografiert wird, der Schmutzfleck, der die Geschichte der Stadt erzählt.
Wo das Handwerk nicht ersetzbar ist
Bei zwei der drei Motivwelten wurde der Unterschied handfest:
Menschen. Das KI-Porträt war glatt, schön und völlig leer. Es sah aus wie ein Mensch, den niemand kennt. Mein Fensterlichtporträt trug die Spannung eines echten Gesprächs – die KI kann ein Gesicht generieren, aber nicht die drei Minuten Smalltalk davor, die den Ausdruck erzeugen.
Orte mit Geschichte. Die Pinakothek-Studie der KI war ein Stereotyp von moderner Architektur. Meine Aufnahme hatte das konkrete Wetter jenes Tages, die konkreten Spiegelungen, das konkrete Vorbeilaufen eines Menschen im Bildrand. Dokumentation heißt: Es hat stattgefunden. Das kann keine Generierung leisten, egal wie gut sie aussieht.
Verantwortung. Ein Foto ist ein Beweis, eine Generierung eine Behauptung. In einer Zeit, in der wir ständig über Deepfakes reden, wird der Unterschied zwischen „das gab es“ und „das hätte es geben können“ zum Kerngeschäft der Fotografie.
Was ich trotzdem gelernt habe
Ich verweigere mich der bequemen Position, KI sei nur ein Spielzeug. In der Konzept- und Vorvisualisierungsphase hat sie mir ehrlich geholfen: Ich habe Lichtstimmungen durchprobiert, ohne einen einzigen Drehtag zu planen. Für Moodboards und Pitch-Präsentationen ist das ein legitimes Werkzeug – solange klar bleibt, was am Ende ein echtes Foto ist und was nicht.
Mein Fazit nach drei Monaten: Die KI zerlegt meine Ästhetik in ihre beschreibbaren Bestandteile – und genau da zeigt sich, was übrig bleibt, wenn man alles Beschreibbare wegnimmt. Die Entscheidung, diesen Moment an diesem Ort mit diesen Menschen festzuhalten, ist keine Bildfrage mehr. Sie ist eine Haltung. Und die kommt nicht aus einem Prompt, sondern aus dem Leben, das man vor der Kamera geführt hat.
Der Blick, der bleiben wird
Ich werde weiterhin generierte Bilder nutzen, wo sie Prozesse beschleunigen. Aber ich habe aufgehört, mich von der Frage bedrängen zu lassen, ob die Maschine mich ersetzt. Sie kann alles nachbauen, was ich beschreiben kann. Das Unersetzliche ist genau das, was ich nie vollständig beschreiben könnte – und deshalb arbeite ich weiter daran.