Die Kunst des Weglassens: Warum mein Portfolio erst durch Leere funktioniert
Photo: Pierre-Louis Leclercq, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
Vor einigen Jahren bestand mein Portfolio aus über 80 Bildern. Achtzig. Ich war der Meinung, dass mehr Arbeit mehr Kompetenz signalisiert. Heute weiß ich: Es hat genau das Gegenteil bewirkt. Wer alles zeigt, lässt den Betrachter allein – mit der Entscheidung, was denn nun eigentlich wichtig ist.
Dieser Beitrag ist eine kleine Abrechnung mit dem Füll-Denken. Und eine Verteidigung des Minimalismus, so wie ich ihn verstehe: nicht als Stil, sondern als Haltung.
Das Problem mit der Fülle
Ein Portfolio ist kein Archiv. Es ist ein Argument. Und ein Argument funktioniert nur, wenn es eine Aussage hat. Mein damaliges Portfolio sagte: Ich kann vieles. Was der Kunde hörte: Er hat sich noch nicht entschieden.
Das ist besonders im deutschsprachigen Markt relevant. Kunden hier – ob Agentur aus Stuttgart oder Mittelständler aus Augsburg – wollen Verlässlichkeit. Sie scrollen schnell, entscheiden schneller. Studien zur Verweildauer zeigen regelmäßig, dass die ersten Sekunden über alles Weitere bestimmen. Achtzig Bilder? Die sieht sich niemand an.
Was Reduktion konkret bedeutet
Als ich auf etwa zwanzig Bilder runtergegangen bin, ist etwas Unerwartetes passiert: Die verbliebenen Bilder wurden besser. Nicht weil ich sie bearbeitet hätte, sondern weil sie plötzlich Raum hatten. Kein Bild musste mehr gegen das nächste kämpfen.
Drei Prinzipien haben sich dabei als entscheidend herausgestellt:
1. Kuratieren statt sammeln. Ich frage mich bei jedem Bild: Würde ich es heute noch machen? Wenn nein, fliegt es raus. Auch wenn es Erinnerungen weckt. Ein Portfolio ist keine Fotoalben-Beerdigung.
2. Weißraum ist Design, nicht Leerstand. Viele Kreative empfinden Leere als unangenehm, fast als wäre etwas schiefgelaufen. Dabei ist Weißraum das stärkste Werkzeug, das wir haben. Er lenkt das Auge, er schafft Rhythmus, er verleiht jedem Bild Gewicht. Ein einzelnes Motiv auf weißer Fläche wirkt wie ein Ausstellungsräum – vierzig Bilder im Raster wirken wie ein Flohmarkt.
3. Eine Typografie, zwei Schnitte. Ich verwende eine einzige Schriftfamilie, meist in zwei Gewichten. Das reicht völlig. Typografie ist im Portfolio wie das Personal im Restaurant: Wenn zu viele reden, hört niemand das Wesentliche.
Der Prozess: Wie man mutig aussortiert
Das Aussortieren ist der schwierigste Teil, weil es emotional ist. Mein Trick: Ich drucke die Bilder klein aus und lege sie auf den Boden. Auf dem Boden, in klein, sieht man sofort, welche Arbeiten tragen und welche nur füllen. Was im Kleinformat nicht überzeugt, überzeugt auch nicht auf dem Bildschirm.
Danach sortiere ich in drei Stapeln: stark, ok, weg. Der mittlere Stapel ist der gefährliche – die Versuchung, auch die ok-Arbeiten zu behalten. Nicht tun. Ein Portfolio aus lauter starken Bildern und einigen Lücken wirkt souveräner als ein vollgestopftes mit Durchhängern.
Zum Schluss: fremde Augen. Nicht Familie, nicht Freunde – jemanden, der ehrlich genug ist zu sagen, wo es langweilig wird. Am besten jemand aus der Zielgruppe, also potenzielle Kunden oder Kolleginnen aus der Branche.
Und was bringt es konkret?
Der sichtbarste Effekt bei mir: Die Anfragen wurden passender. Wer nur noch die Arbeiten zeigt, die er wirklich machen will, zieht genau diese Aufträge an. Klingt logisch, funktioniert aber nur, wenn man die Lücken aushält. Die ersten Wochen nach der Umstellung fühlen sich an, als würde man etwas verbergen. Ist es aber nicht – es ist Fokussierung.
Dazu kommt ein praktischer Nebeneffekt: Pflegeaufwand. Ein kleines Portfolio halte ich aktuell, ein großes veraltet still vor sich hin. Und ein veraltetes Portfolio ist das Schlimmste, was einem Kreativen passieren kann – es sagt mehr über einen als jedes fehlende Referenzprojekt.
Ein Gedanke zum Schluss
Minimalismus ist keine Ästhetik-Vorschrift und schon kein Trend, den man abhakt. Er ist die Bereitschaft, sich festzulegen. Das kostet Überwindung, denn Festlegung heißt: Man schließt etwas aus. Aber genau diese Schärfe macht ein Portfolio glaubwürdig.
Mein Rat für alle, die gerade vor ihrem eigenen Bildersaal stehen: Fangt klein an. Nehmt ein Bild raus diese Woche. Nächstes Woche das nächste. Ihr werdet merken – die Leere, die entsteht, ist kein Verlust. Sie ist der Raum, in dem eure Arbeit endlich sichtbar wird.