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Die Rechnung, die keiner stellt: Was meine Eigenprojekte tatsächlich für mich verdienen

Bastian Birk
Die Rechnung, die keiner stellt: Was meine Eigenprojekte tatsächlich für mich verdienen

Photo: Jon Platek, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Es gibt eine Rechnung, die in keiner meiner Abrechnungen auftaucht. Sie listet nicht auf, was ich verdient habe, sondern was ich verhindert habe: die eigene Weiterentwicklung. Ich habe sie nie geschrieben, aber in diesem Jahr zum ersten Mal bewusst gefühlt.

Der Frühling, in dem ein Großkunde fast eine Serie begraben hätte

Im März saß ich an einem Corporate-Auftrag für einen Münchner Immobilienkonzern. Gut bezahlt, verlässlich, angenehm unspektakulär. Parallel dazu lag ein Ordner auf meiner Festplatte namens „Leerstand“ – eine Fotoserie über temporäre Baulücken in der Innenstadt, die ich seit Monaten nicht angefasst hatte.

Der Auftrag fraß meine beste Arbeitszeit. Und schlimmer: er fraß meine Aufmerksamkeit. Abends hatte ich keine Lust mehr, mit der Kamera durchs Glockenbachviertel zu ziehen, weil ich den ganzen Tag schon „richtige“ Bilder gemacht hatte. Das klingt wie ein Luxusproblem, ist aber der Kern des Dilemmas: Bezahlte Arbeit kann das eigene Werk nicht ersetzen, sie kann es nur verdrängen.

Der Wendepunkt war ein Nein

Im Mai habe ich zum ersten Mal einen Folgeauftrag abgelehnt – höflich, mit Empfehlung eines Kollegen, aber trotzdem ein Nein. Die Reaktion hat mich überrascht: Der Kunde hatte mehr Respekt, nicht weniger. Plötzlich war ich nicht mehr der Dienstleister auf Abruf, sondern jemand mit einer eigenen Agenda.

Das zweite Nein folgte im Sommer, das dritte im Herbst. Zwischen denen entstanden die Bilder, die mein Portfolio heute tragen. Und – das ist die unbequeme Wahrheit – genau diese Bilder haben mir wieder Aufträge gebracht. Nicht trotz der Eigenarbeit, sondern wegen ihr.

Was Eigenprojekte wirklich einbringen

Wenn ich ehrlich bilanziere, haben meine freien Serien drei Dinge erbracht, die kein Kunde mir hätte bezahlen können:

  1. Eine erkennbare Handschrift. Auftragsarbeit zeigt, was ich kann. Eigene Arbeit zeigt, wie ich sehe. Kunden, die mich heute anfragen, zitieren fast immer konkrete Bilder aus freien Serien.
  2. Technische Freiheit als Labor. In Eigenprojekten habe ich meine Lichtführung, meine Schnitttechnik und mein Layout-Raster entwickelt – alles Dinge, die ich später in Aufträgen verkauft habe, ohne es zu planen.
  3. Widerstandsfähigkeit. Wenn ein Großkunde ausfällt, ist es die eigene Arbeit, die das Portfolio am Laufen hält und neue Anfragen generiert.

Die Balance ist keine, sie ist ein Rhythmus

Ich habe aufgehört, von „Balance“ zu reden. Das klingt nach einem ständigen Gleichgewicht, das nie existiert. Realistischer ist ein Rhythmus: Phasen, in denen Aufträge dominieren und die Kasse stimmt – und Phasen, in denen ich bewusst die Angebote kürze, um eigene Serien fertigzustellen.

Mein pragmatischer Deal mit mir selbst: Mindestens ein Fünftel der Arbeitszeit gehört dem Eigenen, geschützt wie ein Kundentermin im Kalender. Nicht als Ideal, sondern als Regel mit Konsequenzen. Wenn ich sie breche, merke ich es spätestens nach vier Wochen – an der Lustlosigkeit, am schlechteren Blick, an Bildern, die nach jedem anderen aussehen außer nach mir.

Ein Fazit ohne Pathos

Ich werde weiter Aufträge annehmen, weiter Rechnungen schreiben, weiter liefern. Aber ich habe aufgehört, die Eigenarbeit als Nebensache zu behandeln, die man macht, „wenn mal Zeit ist“. Sie ist die Zeit. Alles andere finanziert sie nur.

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