Zehn Jahre, zwei Städte, ein klares Fazit: Warum München fotografisch stärker ist als sein Ruf
Photo by Photo by Jan Antonin Kolar on Unsplash on Unsplash
Es beginnt meist mit derselben Frage auf irgendeiner Messe, einem Netzwerkabend oder im Gespräch mit anderen Fotograf:innen: „Wann gehst du nach Berlin?“ Als wäre München ein Vorraum, ein Wartezimmer, und das eigentliche Leben spiele sich an der Spree ab. Ich habe diese Frage zehn Jahre lang gehört. Heute antworte ich mit Zahlen statt mit Bauchgefühl – und die sehen für München erstaunlich gut aus.
Die Berlin-Romantik und ihr Preis
Ich will nichts gegen Berlin sagen. Die Stadt hat eine Dichte an Studios, Agenturen und kulturellen Nischen, die es in München schlicht nicht gibt. 2019 habe ich ein Dreivierteljahr lang überlegt, umzuziehen. Ich habe mich mit Berliner Kolleg:innen ausgetauscht, Tagessätze verglichen, Studio-Mieten recherchiert. Das Ergebnis war ernüchternder als erwartet.
Ja, Berlin hat mehr Briefings. Aber es hat auch ein Vielfaches an Mitbewerber:innen pro Auftrag. Die Tagessätze im kommerziellen Bereich sind dort laut meinen Gesprächen und eigenen Angeboten oft 20 bis 30 Prozent niedriger als in München – schlicht, weil die Verhandlungsmacht auf der Käuferseite liegt. Wer in Berlin 1.200 Euro für einen Drehtag bekommt, kann in München für dieselbe Leistung häufig 1.500 bis 1.800 Euro veranschlagen. Meine eigene Auftragsbilanz aus den letzten fünf Jahren bestätigt das Muster: Der Durchschnittstagessatz für Unternehmensaufträge liegt bei mir in München rund 25 Prozent über dem, was ich für vergleichbare Berliner Projekte kalkuliert habe.
Dazu kommt der Wohnfaktor. Wer in Berlin-Neukölln ein Studio anmietet, zahlt zwar weniger als in München-Giesing – aber das Leben insgesamt ist es in München nicht unbedingt teurer, wenn man bedenkt, was man für die Miete in Berlin inzwischen auch hinblättert. Der Kalkulationsvorteil von Berlin ist dünnr geworden als sein Ruf.
Wer in München kauft – und warum das gut bezahlt wird
Der eigentliche Trumpf der bayerischen Landeshauptstadt ist die Kundenstruktur. München sitzt voller Konzernzentralen, Mittelständler mit Gewinnermentalität und Versicherungen mit Etat. BMW, Allianz, Siemens, ein dichtes Netz aus Agenturen und Verlagen dazu – dazu der Messespielraum um die Messe München und die MOC. Diese Kundschaft hat drei Eigenschaften, die für Fotografen Gold wert sind:
Erstens: Sie bucht in Paketen, nicht in Einzelaufträgen. Ein Imagekampagnen-Dreh bei einem Konzern kann drei bis fünf Drehtage bedeuten, plus Nachbearbeitung, plus Folgejahre.
Zweitens: Sie bezahlt pünktlich. Ich habe in zehn Jahren genau zwei Zahlungsausfälle gehabt. Beide aus Berlin, um ehrlich zu sein.
Drittens: Sie kommt wieder. Der Münchener Markt ist überschaubarer, das Vertrauen bleibt. Wer einmal gut geliefert hat, wird demnächst wieder angerufen – oft ohne Ausschreibung, ohne Pitch, ohne Preisverhandlung bis aufs letzte Zehntel.
Der Haken: die Briefings
Damit das Bild nicht zu rosig wird: München hat auch seine Schattenseiten. Die Briefings sind hier häufig konservativer. Ich habe mehr Anfragen bekommen, die sich an Bildern von vor zehn Jahren orientierten, als ich zählen kann. Mut zur Bildsprache wird hier seltener belohnt als in Berlin, wo Agenturkund:innen oft bereit sind, für einen ungewöhnlichen Look auch mal ein Risiko einzugehen.
In München braucht man einen anderen Draht zum Kunden: Man muss die Sicherheit, die ein Konzern-Communicationsteam sucht, mit eigener Handschrift verbinden. Das ist ein Handwerk für sich – und nicht jedem liegt es. Wer als Fotograf vor allem visuelle Experimente machen will und dafür bezahlt werden möchte, wird in Berlin möglicherweise glücklicher. Wer wirtschaftlich stabil arbeiten und nebenbei Eigenprojekte stemmen will, ist in München richtig.
Wann der Umzug doch Sinn ergibt
Ich bin kein Missionar. Es gibt Szenarien, in denen Berlin für Fotograf:innen die bessere Wahl ist – und die sollte man ehrlich benennen:
- Wenn das eigene Portfolio stark im editorialen, kulturellen oder Modebereich liegt, wo Berlins Dichte an Magazinen und Labels tatsächlich zählt.
- Wenn man im Netzwerk-Effekt lebt und von der Nähe zu gleichgesinnten Kreativen profitiert.
- Wenn das Alter auf der eigenen Kund:innenliste unter 35 liegt und die Budgets ohnehin klein, die Reichweite aber wichtig ist.
Für all diese Fälle habe ich in zehn Jahren immer wieder Kolleg:innen bewundert, die den Sprung gemacht haben und glücklich wurden. Für mich selbst war die Antwort nach dem Dreivierteljahr 2019 klar: Ich bin geblieben. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil die Auftragsbilanz, die Lebensqualität und der Kundenstamm hier einfach besser zu dem passen, was ich anbiete.
München ist keine Stadt, die man als Fotograf beneiden muss. Sie ist eine Stadt, die man unterschätzt – und genau das ist vielleicht die beste Nachricht für alle, die hier schon arbeiten.