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Als die Kanzlei Schwarzweiß wollte: Wie ein ungemütlicher Briefing-Abend mein bestes Jahr als Fotograf geprägt hat

Bastian Birk
Als die Kanzlei Schwarzweiß wollte: Wie ein ungemütlicher Briefing-Abend mein bestes Jahr als Fotograf geprägt hat

Photo: dark empty modern office corridor moody lighting, via img.freepik.com

Es gibt Anrufe, die man sofort annimmt – und solche, bei denen man erst mal tief durchatmet. Der Anruf der Münchner Anwaltskanzlei gehörte zur zweiten Kategorie. „Wir möchten unsere Räume neu fotografieren lassen. Aber bitte ohne Menschen, ohne Farben, ohne freundliches Lächeln. Eher... bedrückend.“ Bedrückend. Als Briefing-Wort für kommerzielle Bilder eine Seltenheit.

Der erste Impuls: höflich ablehnen

Mein Bauch sagte: nein. Kommerzielle Aufträge leben normalerweise davon, dass sie positiv besetzt sind. Architektur, Teams, Arbeitsatmosphäre – alles strahlend, hell, einladend. Und jetzt sollte ich das Gegenteil liefern? Meine ersten zwei, drei Antworten im Kopf waren bereits formulierte Absagen, als mich ein Satz des Anrufers stoppte: „Wir wollen, dass sichmand beim Betrachten der Bilder unwohl fühlt. So wie in einem Verhandlungsraum um 22 Uhr.“

Das war kein Briefing mehr. Das war eine künstlerische Aufgabe mit Rechnungsadresse.

Warum das Wort „nein“ manchmal nur eine Zwischenstufe ist

Ich habe den Auftrag angenommen – aber nicht bedingungslos. Stattdessen habe ich ein Gegenbriefing gemacht. Statt der üblichen Frage „Wie stellen Sie sich das Ergebnis vor?“ habe ich gefragt: „Was soll der Betrachter nicht fühlen?“ Die Antwort: keine Sicherheit, keine Leichtigkeit, keine Werbebroschüren-Optik. Aus dieser Negativliste ließ sich erstaunlich präzise arbeiten.

Das ist seither meine wichtigste Erfahrung aus diesem Projekt: Ein ungewöhnlicher Kundenwunsch wird erst dann handhabbar, wenn man ihn in konkrete Bilder übersetzt – und zwar gemeinsam. „Düster“ allein ist keine Richtung. „Düster wie ein Gerichtsflur um Mitternacht“ ist eine.

Drei Dinge, die ich beim Shooting anders gemacht habe

1. Licht als Gegenspieler. Statt Aufhellung habe ich mit der vorhandenen Leuchtstoffröhren-Atmosphäre gearbeitet, sie gezielt verstärkt. Der Kunde wollte Unbehagen – also durfte das Licht krank wirken.

2. Perspektive unter Augenhöhe. Tiefe Kamerapositionen machen Räume mächtig und den Betrachter klein. Passte perfekt zur Kanzlei-Selbstwahrnehmung.

3. Leere als Hauptdarsteller. Keine Menschen, keine Deko, keine Ablenkung. Nur Stühle, Tische, Rauchglas-Scheiben. Die Reduktion tat weh – sie war aber der Kern der Wirkung.

Das Ergebnis – und was es verändert hat

Die Bilder hängen heute im Flur der Kanzlei und auf der Website. Sie sind – objektiv gesagt – unangenehm anzusehen. Genau das war der Auftrag. Kurioserweise hat die Serie mehr Aufmerksamkeit generiert als jede meiner „schönen“ Arbeiten: Sie wurde geteilt, besprochen, angefragt. Drei Folgeaufträge kamen direkt über diese Bilder.

Was ich daraus mitgenommen habe: Das Nein im Kopf ist selten das Ende einer Idee. Oft ist es der Moment, in dem man genauer hinhören muss. Und: Kunden, die Grenzen setzen, tun das nicht immer, um Kreativität zu killen. Manchmal geben sie dir genau den Rahmen, in dem du zum ersten Mal etwas machst, das noch niemand gemacht hat.

Mein Fazit fürs nächste ungewöhnliche Briefing: erst die Negativliste, dann die Kamera.

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